Sexualität ist unter anderem ein Ausdruck von elementaren Bedürfnissen und Beziehungen zwischen Menschen. Sie ist so vielfältig und widersprüchlich wie diese selbst. Sexualität beinhaltet all das: Sie ist zugleich umfassend und partiell, nehmend und hingebend, gleichberechtigt und asymmetrisch, kontrolliert und loslassend, liebevoll und aggressiv sowie aktiv und passiv.
Sexualität ist von Fremdheit getragen. Sexuelle Anziehung, der Wunsch nach körperlicher Verschmelzung setzt - ganz pragmatisch gedacht - eine Distanz voraus, die es zu überwinden gilt. In der alltäglichen Gewöhnung sehen wir ja die nachlassende Lust in vielen Partnerschaften begründet. Den ganzen Tag kuscheln und Nähe haben und alles teilen.... und dann noch Lust und Anziehung zu entwickeln. Das kennen wir allenthalben von den Phasen des Verliebtseins. Und Sexualität hat immer etwas mit Macht zu tun, und sei es der unbedingte Wunsch, sich seine Erregung zu nehmen, seine Befriedigung. Oder sei es das Bestreben, dem anderen seine Befriedigung zu gewähren - oder sie ihm zu versagen.
Und Sexualität beinhaltet immer auch die mehr oder weniger ausgeprägte Bereitschaft, zumindest zeitweilig die Kontrolle abzugeben, die Erregung anstelle der Gedanken (wenn das Blut nicht mehr im Kopf ist..), das Fühlen und Empfinden anstelle des Verstandes zu setzen, Kontrolle abzugeben. Männer haben - zumindest fachlichen Meinungen nach - vermutlich mehr als Frauen große Schwierigkeiten, sich wirklich fallen zu lassen, sich wirklich hinzugeben. Das liegt vor allem daran, dass von ihnen und auch von ihnen selbst gefordert wird, möglichst immer zu wissen, wo es lang geht, jederzeit und allgegenwärtig handlungsfähig zu sein - permanent und alles kontrollieren zu können: auch im Moment der Ekstase.
Und möglicherweise ist das Abgeben der Entscheidung, sich fallen lassen zu dürfen, das sich Dem-Anderen-Anvertrauen ein ganz wesentliches und sehr entlastendes Moment der sexuellen Abmachung zwischen Freiern und Huren. Diese erwarten keine Selbstkontrolle. Männer werden zwar zur Rationalität und zur Selbstkontrolle erzogen. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass das ihre männliche Natur ist.